Samstag, 14. Dezember 2013

Özgür: Abschlussbericht

Fluch oder Segen?

Ein verstohlener Blick nach unten, ein kurzes Hochziehen der Augenbrauen nach oben. Ein paar Tage hat es gedauert bis ich verinnerlicht habe, dass diese Geste wohl für "ja" steht - im Gegensatz zum Türkischen, wo es als Ausdruck des gegenteiligen "neins" dient. Genauso der bestätigende Laut "o-o", im Gegensatz hierzu die verneinende Bedeutung im Türkischen. Nur ein kleiner Einblick in eine gänzlich neue Welt, an die ich mich zunächst einmal herantasten musste. Die Mangyans als Einheimische Mindoros, welche abgeschieden tief im Dschungel in den Bergen leben, und teilweise noch nie einen Arzt zu Gesicht bekommen haben. Krankheitsbilder, die man sonst nicht in solcher Ausprägung zu Gesicht bekommt. Begrenzte Möglichkeiten, die ein völlig anderes Vorgehen verlangen als man es zu Hause tun würde. Theoretisch hat man die Möglichkeit, Patienten in ein öffentliches Krankenhaus in eine größere Stadt einzuweisen. Praktisch ist das oft nicht mehr als nur ein Akt der Verzweiflung, denn häufig ist es ein unglaublicher Aufwand für den Patienten, das überhaupt in die Tat umzusetzen. Und sei dies geschafft, mangelt es dann entweder an Möglichkeiten der Diagnostik oder scheitert spätestens an einer nicht realisierbaren Therapie. Ein vor Hunger schreiendes 4 Monate altes Kind, das krank und abgemagert aussieht und nicht mehr als ein Neugeborenes auf die Waage bringt, könnte in ein Ernährungsprogramm aufgenommen werden, müsste dafür aber für einige Zeit weg von der Familie. Die Mutter wird sich das überlegen und geht erst einmal wieder heim. Bei uns wäre das ein Fall für das Kinderschutzteam. Ein anderes Kind mit ausgeprägter Dyspnoe und sichtlichem O2-Bedarf bei Pneumonie hätte ich daheim auch nicht aus der Klinik gehen lassen, hier wollten die Eltern es die nächsten Tage erst einmal mit einer oralen Antibiotikatherapie versuchen. Zwischendurch erscheinen Eltern und geben die Krankenkarten verstorbener Kinder zurück.
Eine steile Lernkurve habe ich hinter mir, sei es menschlich oder medizinisch. Menschlich, weil man in eine Welt eintauchen kann, die man für kein Geld der Welt so geboten bekommen könnte. Viele Gedankenspiele, viele Vergleiche. Kinder, die mit einem kaputten Flipflop eine Art Brennball/Völkerball spielen, wobei sie sich damit abwerfen, wegrennen, fangen, einen Parcours durchlaufen müssen; Kinder die vor der Playstation sitzen, weil ihnen oft keine Alternative geboten wird. Alte Menschen, die unglaublich schwere Lasten auf kilometerweite Strecken tragen müssen - weil sie es müssen; Menschen, die durch Arbeiten weniger herausbekommen würden als wenn sie arbeiten würden. Kinder, die mit tiefen dreckigen Fleischwunden an den Füßen mit großer Freude durch den Matsch springen; Eltern, die über eine Krankheit im Internet gelesen haben und das nun abgeklärt haben möchten. Schwer kranke Patienten, die Tagesmärsche hinter sich haben und dann auch noch den ganzen Tag geduldigst warten und tiefe Dankbarkeit im Anschluss zeigen, auch wenn man gar nicht viel machen konnte; Eltern, die es ungeheuerlich finden, dass man mit einem fiebernden Kind nicht augenblicklich drankommt und von Kopf bis Fuß durchgecheckt wird.
2 Wochen lang fährt man mit der Rolling clinic jeden Tag in eine andere Barangay, ein anderes Dorf. Sowohl im Süden als auch im Norden. Nach einem Monat wiederholen sich die Einsatzorte. Wenn ich meine Patienteneinträge einen Monat später fortsetzen wollte, konnte ich bereits merken, wieviel ich mittlerweile wieder hinzugelernt hatte und wie sehr ich manchmal mein Vorgehen von noch einem Monat zuvor wieder anzweifelte. Als Pädiater freute ich mich auch über geriatrische, gynäkologische, chirurgische, HNO-mäßige und dermatologische Fortschritte, die ich rasch bemerken konnte.
Alles in allem war es eine sehr schöne Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich bin sehr gespannt, ob und was sie mit mir macht, wenn ich wieder in der Klinik in Deutschland bin. Ich bin sehr dankbar für viele Momente, die mir noch immer Gänsehaut bereiten, wenn ich nur an sie denke, so wie der 20 jährige junge Mann, der auf die Frage, wieviele nächtliche Hustenattacken er im letzten Monat hatte, bloß antworten konnte, er wisse es nicht, er habe nie zählen gelernt.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Tina - thank you!


heute ist mein letzter Tag mit den German Doctors hier in Manila, die Zeit ging unglaublich schnell vorbei und ich werde das Team und meine Arbeit hier sehr vermissen!
Startklar - bei strahlendem Sonnenschein werde ich ein letztes Mal vor dem Doctors House abgeholt...
... von diesem Team (links Michael, unser Fahrer, dann Mel aus der Apotheke, neben mir meine tolle Übersetzerin Elvie, und dann die Mädels aus dem Labor und von der Admission.


Am Abend werden wir beide rührend vom gesamten Team mit Abschiedsliedern verabschiedet...
... dazu gibt es Pasta-Buffet...
...welches unsere beiden Köchinen Berlie und Malou (welche uns auch im Doctors House fürstlich bekocht hat) gezaubert haben!
und hier alle Mitarbeiter des Health Care Development Centers versammelt. Zu meiner Linken sitzt meine Kollegin Susanne, mit der ich die letzten Tage hier verbracht habe, neben Özgür sitzt Lino, der aus Bonn zu Besuch war, um sich um die Organisation der Projekte vor Ort zu kümmern, und zwei weiter sitzt Dr. Pinky, die philippinische Langzeitärztin des Projekts, bei der alle Fäden zusammen laufen und die sich bestens um die Organisation gekümmert hat und stets für alle Fragen, auch in medizinischer Hinsicht ein offenes Ohr hatte. 
Vielen Dank an alle, ihr habt diese Zeit hier für uns unvergesslich gemacht! 



Mittwoch, 16. Oktober 2013

Özgür: Zurück in die Slums von Manila

Tbc unter dem Mikroskop: Mykobakterien in der Ziehl-Neelsen-Färbung

In den letzten Tagen haben wir einige Patienten mit Tbc auf diese einfache Weise selber im Staff house diagnostizieren können. Unser generelles Vorgehen: bei Husten über 3 Wochen und zusätzlichen Symptomen wie Hämoptyse, Nachtschweiß, Gewichtsverlust oder positiver Familienanamnese geben die Patienten 2 x Sputum am selben Tag ab, was wir später im Staff house unterm Mikroskop begutachten. Wenn wir einen Monat später wiederkommen, das Ergebnis unauffällig war und der Patient weiterhin hustet, schicken wir den Patienten in die Stadt zum Röntgen. Einen weiteren Monat später haben wir das Ergebnis. Wie ihr seht, können bereits Routine-mäßig Monate vergehen bis ein Tbc-Patient zu einer Behandlung kommt.

Zum Abschied ein kleines Geschenk von den Kids am Staff house in Mansalay:
Weil Sand so vergänglich ist...

...und in Stein gemeißeltes länger währt

Die 3. Tour neigt sich nun dem Ende zu. Die Arbeit auf Mindoro bei den Mangyans ist somit auch für mich zu Ende, so dass ich mich jetzt zur Tina nach Manila in die Slums von Bagong Silang begebe. Insgesamt gibt dieser Blog eine unvergessliche Zeit im tiefen Dschungel oft hoch auf den Bergen bei den Mangyans wieder. In einer sehr schönen Phase unserer Arbeit möchten wir die Berichterstattung auf diesem Wege nun auf sich beruhen lassen. Vielen Dank für die zahlreichen Rückmeldungen und die rege Anteilnahme, die uns hier sehr viel Kraft gegeben haben. Die Möglichkeit, unsere Erfahrung in diesem spannenden Projekt mit Familie und Freunden in der Heimat nahezu in Echtzeit teilen zu können, hat auch unsere Freude an der Arbeit um einiges bereichert. Also dann, ab in die Großstadt. Bis demnächst...

Tina - Health Care Development Center Bagong Silang

heute durfte ich wieder in meinem eigenen Sprechzimmer in unserem Health Center tätig sein.
meine ersten Patienten heute...
... darunter diese lustigen Knödel...

diesen Patient mit ausgeprägter, superinfizierter Skabies hatte ich vor einer Woche gesehen, insgesamt hatte sich der Befund unter Behandlung mit Benzyl Pyruvat deutlich gebessert, dummerweise waren heute wieder neue Läsionen aufgetaucht, die Mutter gab zu, nicht die gesamte Familie behandelt zu haben, was für eine endgültige Sanierung notwendig wäre.

... noch mehr Skabies...

... und Ptyriasis versicolor...

junger Mann mit deutlichem Sklerenikterus, Bauchweh, Durchfall und Fieber, wahrscheinlich Hepatitis A.

hier hatte sich ein junger Mann mit Bauchkrämpfen und Durchfall mit hohem Fieber vorgestellt (ohne Blutbeimengung), die Stuhluntersuchung ergab den positiven Nachweis von Entamoeba histolytica, die Behandlung der Amöbiasis erfolgt mit Metronidazol.

Folgender , 62-jähriger Mann stellt sich mit rekurrierenden Infektionen und Ödemen beider Unterschenkel vor. Bereits seit 1996 ist er hier in Behandlung, bereits mehrfach waren Untersuchungen zu möglichen zugrundeliegenden Erkrankungen (Diabetes, etc) erfolgt, die alle nicht wegweisend waren. Bei ausgeprägter Varikosis ist die Diagnose einer chronisch venösen Insuffizienz gestellt worden. Seither stellt er sich immer bei Verschlechterung des lokalen Befundes zur antibiotischen Therapie vor. 
Bei zeitgleich jedoch bestehender Nykturie, Orthopnoe und feinen Rasselgeräuschen über der Lunge, sowie anamnestisch immer wieder auftretenden Brustschmerzen habe ich ein EKG veranlasst: 
Es zeigt sich eine linksventrikuläre Hypertrophie mit Zeichen von stattgehabtem Infarkt- der Patient leidet unter -anamnestisch schon länger bestehender - KHK mit bereits deutlichen Zeichen einer Herzinsuffizienz , welche als zusätzliche Ursache der Beinödeme in Betracht kommt > Beginn mit Captopril, Furosemid und ASS, ausserdem antibitiotische Therapie und regelmässige Bandagierungen der Beine wurden veranlasst, 

Hier in unserer Apotheke wird jeden Tag aus Lagundi-Blättern der hiesige Erkältungssaft gekocht...
... und in Flaschen abgefüllt...
...ich habe direkt eine bekommen, weil ich eine Schnupfen habe!



Tina - Payatas Tres again

und wieder ein spannender Tag mit den German Doctors:
Subfebrile Temperaturen, leichter Luftwegsinfekt und dieses Exanthem, dazu schmerzhafte Lymphknoten nuchal - Diagnose: Röteln
dieser Mann arbeitet, wie die meisten hier als "Garbage Collector" auf den Müllbergen. Von dort brachte er diesen Ausschlag mit vielen offenen, superinfizierten Stellen mit, welchen ich als chronisch-irritatives Kontaktekzem mit Superinfektion gedeutet habe. Die Müllsammler tragen natürlich auch Flipflops und kurze Hosen wenn sie knietief in Müll waten und Handschuhe gibt es keine.

Etwas, was einem in Deutschland nie begegnen wird: diese junge Frau berichtet, ihr sei vor einigen Stunden etwas ins Ohr gekrabbelt und sie merke immer noch , dass  sich dort etwas bewege. In der Hoffnung, dass sie sich täusche habe ich dann ihr rechtes Ohr inspiziert, und siehe da - sehr weit innen im Gehörgang sah ich ein Insektenpanzer von hinten, der sich zu meinem Grauen noch bewegt hat. In mühevoller Arbeit gelang es mir dann, das Insekt zu fassen (es kam mir ungewöhnlich gross vor), dummerweise hatte es sich offensichtlich fest gebissen, sodass ich nur eine Hälfte entfernen konnte, mit dem Ergebnis, dass mir daraufhin der Inhalt des Insekts aus dem Ohr entgegen gelaufen kam. Unter begeisterten Schreien und aufmunternden Zurufen des Teams konnte das Tier dann nach seinem Ableben letztlich doch noch in toto geborgen werden und entpuppte sich als Kakerlake!
und das ist nur die halbe Kakerlake!

Özgür: Ende 3. Tour Süd - letzter Tag auf Mindoro








Verabschiedung vom Südteam Mindoros mit Karaoke auf philippinisch

Anhang
1) Von den Erdbeben auf den Inseln Bohol, Cebu und Siquijor hat man bei uns auf Mindoro und Manila nichts mitbekommen.
2) Bayramınız mübarek olsun! Obwohl über 90 % der Filipinos Christen sind, zählt das muslimische Opferfest (neben Ramadan eins der zwei großen Feste unserer Religion) zu den offiziellen Feiertagen in Manila. Schon skurril, in Deutschland kann ich das nie mit jemandem feiern, weil es normale Arbeitstage sind; und hier ist es ein Feiertag, aber keiner da! Ich hoffe, ihr habt schöne Feiertage zusammen! ☺

Dienstag, 15. Oktober 2013

Tina - neighbourhood

Heute ein paar Bilder aus Bagong Silang, meiner derzeitigen Heimat. Ausserhalb der Arbeit gibt es wenige Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, lustig ist allerdings ein Ausflug durch unser Viertel, insbesondere der sogenannte Wet Market ist sehr sehenswert und macht seinem Namen alle Ehre. Hier werden insbesondere frische Lebensmittel aller Art verkauft, von Obst, Gemüse jeglicher Sorte, über Reis in grossen Körben bis hin zu allen erdenklichen Arten von Fisch und Fleisch findet man hier, was das Herz begehrt. 
die Hauptstrasse...
... wo immer Verkehrschaos herrscht...
... die St. Nino Church...
... der Markt...

.. so viel zum Thema Kühlkette...
... Geburtshaus des Viertels...
... und mein Zuhause (gut getarnt!)